Seine Lebensgeschichte hat Rolf Abrahamsohn (91) schon so oft erzählt – mit ruhiger, fast leiser Stimme. Trotzdem ist die Wirkung auf seine jungen Zuhörer immer gleich: Staunen, blankes Entsetzen, Betroffenheit. Mehrere Konzentrationslager hat der Marler Jude als einziger seiner Familie überlebt – und spricht darüber, zum Beispiel mit Jugendlichen aus der Martin-Luther-King-Schule. Am Ende applaudieren alle und danken ihm.

„Ich werde die Geschichtsbücher jetzt anders lesen“, sagt Leo (17) am Ende des Vortrags. Was der Jugendliche und viele andere aus den 10. und 11. Klassen zu hören bekommen hat, ist für einen Teenager von heute unvorstellbar. Rolf Abrahamsohn kann vor Vorträgen wie diesem nächtelang nicht schlafen, böse Erinnerungen halten ihn wach. Trotzdem macht er weiter: Zu berichten, was Rassismus und Terror im Alltag bedeuten, das sieht er als seine Lebensaufgabe. Sein Leitsatz, den er mehrfach wiederholt: „Wenn nur einer versteht, dass Juden keine schlechteren Menschen sind als andere, dann habe ich viel erreicht.“ 
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An diesem Vormittag erreicht er noch viel mehr. Kein Mucks ist zu hören, gebannt hören die Jugendlichen seine Geschichte. Sie beginnt in einem brennenden Marler Haus, in dem um ein Haar sein Vater verbrannt wäre. Die Geschichte geht weiter in einer Recklinghäuser Baracke („ohne Toiletten und Wasser“), geht weiter mit seiner Verhaftung, führt in einen Zug, in dem Juden nach Riga gebracht wurden. Sie führt zur Erschießung unschuldiger Menschen in einem dortigen Wald und weiter in ein KZ, das erste von vielen, in denen Abrahamsohn um das nackte Überleben kämpfte. 
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Nur er siegte in diesem Kampf. Ein Bruder starb als Kind an Diphterie, weil kein Arzt einen Juden behandeln wollte. Seine Mutter sah er zum letzten Mal, als er ein Brot für sie über einen Zaun warf. Theresienstadt war seine letzte KZ-Station: „In dem Zug dorthin sind die meisten verhungert. Als wir Überlebenden ankamen, sahen wir so schlimm aus, dass die Gefangenen weggelaufen sind. Später haben uns die Russen befreit.“ 
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Vergeblich versuchte Abrahamsohn, nach Israel auszuwandern, ging nach Recklinghausen. Nach Marl wollte er nicht wieder: Die Erinnerungen waren zu furchtbar. 
Wie sich seine Freunde während der NS-Diktatur verhalten hätten, fragt ein Schüler. Die Antwort: „Wir hatten keine. Die Leute haben sich nicht getraut, Guten Tag zu sagen. Nach dem Krieg wollten alle meine Freunde sein.“ 

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Ein Lehrer will wissen, wie der Zeitzeuge über Rechtsextremismus und fremdenfeindliche Gewalt von heute denkt. Antwort: „Es ist grauenhaft, was sich da abspielt. Ich glaube, 50 Prozent der Menschen wollen das Chaos nicht. Ich hoffe, die anderen 50 Prozent haben eines Tages den Mut, zu sagen: Wir machen da nicht mehr mit.“ 
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Der Vortrag ist eine Kooperation mit dem Team des Abrahamsfestes und dem Kulturzentrum „Kunterbuntes Chamäleon“. 
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Den Kontakt vermittelt hat Hartmut Dreier, Pfarrer im Ruhestand. Er schlägt spontan vor, Abrahamsohn könne im Theater vor noch größerem Schülerpublikum lesen. Wieder applaudieren alle.
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Der Artikel ist im Original erschienen in der Marler Zeitung vom 2.12.2016.